Die deutsche Energiepolitik erlebt gerade ihren „Moment der Wahrheit“. Während der Bundesrechnungshof in seinem jüngsten Bericht vor einem Scheitern der nationalen Wasserstoffstrategie warnt, sucht die Industrie nach bezahlbaren, steuerbaren Kapazitäten, um die Versorgungssicherheit bis 2030 zu garantieren. Dabei übersehen wir eine gewaltige Ressource direkt unter unseren Füßen: unsere Wasser- und Abwasserinfrastruktur.
In der Debatte um „Green Production“ und den Erhalt unserer industriellen Basis konzentrieren wir uns oft auf technologische Fernziele, während wir die massiven Ineffizienzen unserer bestehenden Infrastruktur schlicht ignorieren. Die gute Nachricht lautet: Wir müssen keine Rakete zum Mond bauen, um dieses Problem zu lösen. Die Technologien existieren heute, sie sind marktreif, weltweit erprobt und sofort skalierbar.
Von Thor Danielsen, Global Water Lead, Danfoss Power Electronics
Dieser Artikel erschien im e|m|w Das energate-Magazin.
Wassereffizienz ist harte Standortpolitik
Unsere globale Wirtschaft läuft auf zwei unsichtbaren, aber untrennbar miteinander verbundenen Strömen: Wasser und Energie. Doch in den meisten Unternehmen und Kommunen werden sie noch immer als getrennte Herausforderungen behandelt – ein systemischer blinder Fleck, den wir uns angesichts galoppierender Ressourcenknappheit nicht mehr leisten können.
Wir befinden uns mitten in einer generationenübergreifenden Wasserkrise: Bis zum Jahr 2030 wird die weltweite Wassernachfrage das Angebot voraussichtlich um 40 Prozent übersteigen. Dieses Risiko trifft auch den Industriestandort Deutschland direkt.
Wer wissen will, wo wir heute sofort Geld und Energie sparen können, muss den Blick auf die Abwasserinfrastruktur richten. Die Abwasserreinigung wird oft als lästige, ökologische Pflichtaufgabe wahrgenommen, doch ihre Klimawirkung ist gewaltig. Ich nenne es das „Luftfahrt-Paradoxon“: Die Emissionen der weltweiten Abwasserbehandlung machen rund 0,5 bis 1 Prozent der globalen Treibhausgase aus. Damit liegt dieser Sektor in der gleichen Größenordnung wie die globale Luftfahrt oder Schifffahrt. Es ist paradox, dass wir gesellschaftlich leidenschaftlich über Kerosin-Alternativen debattieren, während das Einsparpotenzial in unseren Klärwerken oft völlig unbeachtet bleibt.
Für unsere Kommunen ist dies längst eine Frage der wirtschaftlichen Vernunft. Kläranlagen sind heute oft für bis zu 40 Prozent des gesamten kommunalen Stromverbrauchs verantwortlich. Allein in Deutschland schlummern in bestehenden Anlagen Effizienzpotenziale von rund 30 Prozent. Durch den Einsatz von intelligenten Steuerungssystemen und Frequenzumrichtern (VSDs) lässt sich der Energieverbrauch von Pumpen und Gebläsen – den Herzstücken jeder Kläranlage – sofort um 20 bis 60 Prozent senken.
Solche Investitionen sind ökonomisch hochattraktiv, da sie sich oft innerhalb von zwei bis fünf Jahren amortisieren. Ein Beispiel ist die Kläranlage im dänischen Viby, wo der Durchsatz mit digitaler Prozessoptimierung um 33 Prozent gesteigert werden konnte. Dazu wurde eine geplante Erweiterung im Millionenbereich erst einmal überflüssig.
Treffen Sie Danfoss auf der IFAT 2026
Die Optimierung von Wasser‑ und Abwassersystemen, Energieeffizienz in Kläranlagen sowie die Abwärmenutzung aus Abwasser sind zentrale Hebel für eine wettbewerbsfähige Clean Industry. Wie Danfoss diese Ansätze mit Frequenzumrichtern, Digitalisierung und sektorübergreifenden Lösungen konkret umsetzt, zeigt das Unternehmen auf der IFAT 2026, der Weltleitmesse für Wasser‑, Abwasser‑ und Umwelttechnologien. Dort stehen praxisnahe Lösungen für Wassereffizienz, Ressourcensicherheit und die kommunale Energiewende im Fokus.

Standortvorteil durch Kreislaufführung
Für die „Clean Industry“ ist Ressourcensicherheit die neue Versicherungspolice. 2040 werden 40 Prozent der weltweiten Chipproduktion in Regionen mit hohem oder extremem Wasserstress liegen. Unternehmen werden künftig nur dort investieren, wo die Versorgung mit Energie und Wasser garantiert ist. Hier bietet die industrielle Abwasser-Wiederverwendung („Water Reuse“) den entscheidenden Vorteil.
Durch „Reduce & Reuse“-Methoden lässt sich der industrielle Wasserbedarf um 50 bis 75 Prozent senken. Ein Beispiel für diese Resilienzstrategie liefert Semikron Danfoss in Deutschland: Durch ein mehrstufiges Wiederverwendungssystem deckt der Standort über 54 Prozent seines gesamten Wasserbedarfs aus aufbereitetem Prozesswasser.
Auch die Lebensmittelindustrie zeigt, was möglich ist: Carlsberg Polen senkte seinen Wasserverbrauch pro Liter Bier durch systemisches Monitoring auf 2,55 Liter – weit unter dem Marktstandard von 4 bis 6 Litern. Solche Effizienzsprünge sind keine reinen Nachhaltigkeitsprojekte; sie sichern die operative Kontinuität in Zeiten zunehmender Ressourcenknappheit.
Abwärmenutzung für Fernwärmenetze
Die Sektorkopplung verwandelt die Wasserinfrastruktur von einem Kostenfaktor in einen strategischen Energielieferanten für die kommunale Wärmewende. Gereinigtes Abwasser verfügt ganzjährig über stabile Temperaturen und stellt eine thermische Goldmine dar, die theoretisch 10 bis 15 Prozent des weltweiten Heizwärmebedarfs von Haushalten decken könnte.
Das Referenzprojekt Marselisborg in Dänemark demonstriert eindrucksvoll, was heute möglich ist: Durch Digitalisierung und Prozessoptimierung erzeugt die Anlage inzwischen im Mittel 100 Prozent mehr Energie, als sie verbraucht. Genug, um den gesamten städtischen Wasserkreislauf energieseitig zu tragen. Neben Strom liefert das Kraftwerk noch einen zusätzlichen Mehrwert: Die Überschusswärme wird direkt in das Fernwärmenetz von Aarhus eingespeist.
Ein ebenso großes Potenzial bieten Rechenzentren, deren Wasserfußabdruck sich bis 2030 voraussichtlich auf 1.200 Mrd. Liter verdoppeln wird. Durch den Wechsel auf Flüssigkeitskühlung lässt sich Abwärme auf einem Niveau von über 40 Grad Celsius gewinnen, die zu Kosten von 190.000 bis 250.000 Euro/MW in Wärmenetze integriert werden kann – ein Bruchteil dessen, was fossile Erzeugung mit über 730.000 Euro/MW kostet.
Fazit
Warum geht es trotzdem so langsam voran? Weil wir Wasser-, Energie- und Wärmestrategien noch immer in isolierten Silos planen. Hinzu kommt eine gefährliche Fixierung auf kurzfristige Amortisationszeiten von oft unter einem Jahr. Wir benötigen dringend einen Paradigmenwechsel hin zu einer Betrachtung der Gesamtkosten.
In der Wasserwirtschaft machen die Betriebskosten (Opex) oft 75 Prozent der gesamten Lebenszykluskosten einer Anlage aus. Wer heute bei den Investitionen (Capex) spart und veraltete Technik verbaut, verbrennt über Jahrzehnte Geld und Energie.
Wir müssen aufhören, auf technologische Wunder zu warten und stattdessen das skalieren, was bereits da ist: Sensoren, intelligente Antriebe und moderne Wärmepumpen. Es ist an der Zeit, Wasser- und Abwassersysteme als das Rückgrat einer resilienten, wettbewerbsfähigen Clean Industry und als zentralen Baustein der modernen Energieversorgung zu sehen.
Ressourceneffizienz stabilisiert unsere Wirtschaft, senkt Emissionen und sichert Wohlstand. Jede Woche, die wir ungenutzt verstreichen lassen, ist eine Woche verschwendetes Potenzial für den Industriestandort Deutschland.
Autor:
Thor Danielsen
Global Water Development Lead, Danfoss Drives